SKITOUREN IM SOIERNKESSEL


LUDWIGS GESPÜR FÜR SCHNNEE


Bilder und Text von Julian Bückers

© Foto: Julian Bückers

Am 10. März 1864 stellte Ludwig die Weichen auf grün. Besser gesagt, sie wurden gestellt, denn was geht in einem gerade volljährig gewordenen Bengel vor, der über Nacht zum mächtigsten Mann im weiten Umkreis gemacht wird. Max, sein Vater, hatte sich etwas unvorhergesehener Maßen nach kurzem Leiden in die ewigen Jagdgründe verabschiedet und so wurde eben jener schwarz gelockter Jungspund noch am selben Tag zum rechtmäßigen Nachfolger befördert.
Eine herrliche Tradition, so eine Familiendynastie! Die Macht bleibt stets im trauten Stall und der Zögling wird bereits vor der Ergreifung des Zepters in überschaubare Wirkungsräume zurück gestutzt. Die wirklich wichtigen Aufgaben zur Verteidigung und Ausbreitung des Hoheitsgebietes übernehmen die Herrn Berater. Da schadet's gar nicht, wenn der unangenehme Neuling in der Führungsriege einer kreativen Beschäftigung nachgehen kann. Man sollte das sogar fördern, denn ist der König gut gelaunt, so hat das Volk oft mehr davon.
Die architektonischen Freuden seiner Majestät kamen also gar nicht so ungelegen. Ludwig schwärmte von je her für die heimische Bergwelt. Bereits in seinen Jugendjahren spähte er aus den großen Fenstern des Schlosses Hohenschwangau und suchte die weiten Hänge der umliegenden Bergwelt nach potentiellen Standorten für seine späteren Visionen ab.
Er liebte die Ruhe, die Natur, die klaren Strukturen der aufragenden Gipfel und die dortige Einsamkeit. Jagdschlösser waren en vogue. Bereits sein Vater hatte einige errichten lassen. Ludwig konnte den mörderischen Trieb der Jagd zwar nicht ganz nachvollziehen, verkündete aber baldigst, sich unter diesem Vorwand an seinen ersten alpinen Bauwerken versuchen zu wollen.
Noch im Jahr seines Amtsantritts entschloss er sich neben den Pürschhäusern auf dem Herzogstand auch die Soiernhäuser im Soiernkessel bei Krün zu errichten. Der Bau wurde mit je 11.150 Gulden veranschlagt. Mit umgerechnet 9557 Euro blieb das wohl die erschwinglichste Immobilie in der gesamten Amtszeit.
Man kann ihn schon verstehen, den "Keni".
Oder wer von uns würde sich weigern, an einem warmen Julitag die roten Spinnaker seines extra herauf geschafften Segelbootes zu setzten um sich und seine Begleitung über jenen smaragdgrünen, oberen Soiernsee gleiten zu lassen? Man erzählt sich sogar, er hätte sich auf einer Seebühne Wagners 'Rheingold' inszenieren lassen. Von Gourmet-Köchen und Lustknaben ganz zu schweigen.

So hat er residiert dort oben und hätte Fritjof Nansen bereits dreißig Jahre früher Grönland auf Ski durchquert und damit das neue alpine Fortbewegungsmittel auch für den Rest Europas salonfähig gemacht, so wäre Ludwig mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verrückt genug gewesen, diese neuartigen Gleithölzer mal vom Gipfel der Reißenden Lahn zu jagen. Die winterliche Nutzung des Hauses blieb ihm aber leider verwehrt. Zu mühsam und zeitraubend erschien der lange Aufstieg in den kalten Monaten. Er hätte sich aber besser mal motivieren sollen, denn selten empfängt einen auf derart kleinem Raum eine skifahrerische Spielwiese wie in eben jenem Soiernkessel.
Sämtliche Gipfel, der im Nordwesten des Karwendels gelegenen Gebirgsgruppe, fallen zu den Königshäusern hin steil ab und bieten eine Vielzahl an potentiellen Variantenabfahrten durch enge Rinnen, die sich zu weiten Hängen und perfekt kupierten Gelände hin öffnen.
Der Gebirgskamm zieht sich von der nordwestlich gelegenen, bereits erwähnten Schöttelkarspitze über die Felderngipfel zur Reißenden Lahnspitze und weiter zur nahmensgebenden Soiernspitze. Mit 2257 Metern über dem Meer auch geodätisch der Höhepunkt im Rund und vor allem für seine feinen Abfahrten Richtung Süden und Süd-Osten bekannt. Im Nordosten begrenzt die Krapfenkarspitze das Gebiet und rundet den Kessel damit ab.

Den Bericht im Freiluftwerk-Magazin 16/17 ansehen
Infos über den Autor und Photographen
Julian ist ein junger Fotograf und Kletterer, geboren 1986 in Anzing. Er ist zudem Staatl. gepr. Berg- und Skiführer [ UIAGM ] und dipl. Ing. Printing and Media Technology [ HS München ]
Er lebt und arbeitet in München.
Mehr über Julian auf seiner schönen Website julianbueckers.de

Skitouren-im-Soiernkessel 21.03.2017 17:52

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