HEADING NORTH

A BIKE ADVENTURE AROUND BALTIC SEA

Text: Christiane Radies | Bilder: Philippe Steinmayr

Ende April 2016 schneit es bei uns im Alpenvorland ganze 10 cm. Erst danach soll es drei Tage Sonnenschein geben. Also frühstücken wir erst einmal ausgiebig und lassen den Neuschnee auf der Straße schmelzen, bevor wir am frühen Nachmittag aufbrechen.
Philippe wollte schon lange mal nach Norwegen. Er hatte die Idee, mit dem Fahrrad von Zuhause, im Süden von München, über Osteuropa, durch Finnland bis in den Norden Norwegens zu radeln. Von dort der norwegischen Westküste zu folgen und über Schweden, Dänemark einmal quer durch Deutschland, wieder zurück nach Hause.
Entlang Radwanderwegen und Forstwegen hat Philippe viele Monate vorher die 9000 km lange Route gesucht und gefunden. Ich orientiere mich daran und navigiere uns mit meinem Smartphone. Es ist an der Lenkstange befestigt und ich lade es über meinen Nabendynamo während der Fahrt, wenn ich schneller als 15 km pro Stunde fahre.
Wir reisen mit jeweils zwei großen Gepäcktaschen. Ich habe noch eine 20-Liter-Rolle oben drauf. Philippe zieht einen Anhänger, den wir liebevoll Moni nennen. Er hat außerdem eine Lenkertasche, um schnell an seine Kamera zu kommen.
Bereits nach wenigen Tagen klagt Philippe über Schmerzen in seiner rechten Achillessehne. Die Sehne ist gereizt, weil Moni, der Anhänger, zu schwer ist. Also fahren wir langsamer und machen kürzere Etappen. Meine Erwartung an die Tour war eine konditionelle Grenzerfahrung und nun kommen wir oft nicht auf 60 Kilometer am Tag. Einmal müssen wir in Poznan pünktlich eine Gastfamilie treffen und ich trete gehörig in die Pedale. Wenige Minuten später sehe ich Philippe nicht mehr hinter mir, will aber nicht warten, setze meine Scheuklappen auf, rase voraus und erreiche das Dorf viel zu früh. Kurz darauf schließt auch Philippe auf und ich merke, dass ich so nicht reisen will, denn ich möchte etwas erleben und mit Philippe ankommen.
In Polen kurz nach Bydgoszcz frage ich Philippe: "Was vermisst du auf dieser Reise?" Ihm fällt nichts ein und er schüttelt den Kopf.


Ich gebe zu, dass ich immerhin meine Haarbürste vermisse.

Vorher waren wir es gewohnt, mindestens acht Stunden in einem Bürostuhl zu verbringen. Jetzt sitzen wir auf dem Zelt- oder Waldboden und haben das Gefühl, dass irgendeine Gliedmaße immer einschläft, ganz egal, wie wir uns hinsetzen. Das Zeltleben ist unbequem, uns fehlt ein Stuhl. Um Platz in unseren Gepäcktaschen zu sparen, kaufen wir mindestens alle drei Tage ein und kochen dann auf unserem kleinen Gaskocher. Kochen können wir alles, was man mit zwei Töpfen auf einer Flamme abwechselnd kochen kann: Putengeschnetzeltes mit Reis, Tomatennudeln oder polnische Piroggen.
Über 2500 Kilometer rollen wir bereits durch Osteuropa und das Baltikum. Wir sind nun keine Anfänger mehr und packen routiniert unsere Fahrradtaschen. Die Handgriffe sitzen und unser Zelt steht nach wenigen Minuten straff gespannt.
Mit der Fähre setzen wir von Tallinn, der Hauptstadt Estlands, nach Helsinki in Finnland über. Nördlich von Helsinki radeln wir auf Landstraßen und biegen zufällig in das kleine Dorf Saari ein. Ein hochgewachsener blonder Finne mittleren Alters wedelt in einem kleinen Vorgarten geduldig mit einem Stück Karton, um Holzkohlen zum Glühen zu bringen. Wir fragen, ob wir unser Zelt in seinem Garten aufstellen dürfen. Bevor wir uns versehen, halten wir Bratwürste von Lidl und Dosenbier aus Estland in der Hand und lernen den Finnen Vesa kennen. Er stellt uns seine beiden Freunde vor: die gutmütige Sportlehrerin Virpi und der humorvolle Peka. Wir werden nach Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands eingeladen, denn dort haben die drei ihre Heimat. Hier in Saari, in der Nähe von Helsinki, arbeiten sie nur. Vesa lässt uns getrocknetes Rentierfleisch probieren, während Virpi ankündigt, in Rovaniemi für uns zu kochen. Wir freuen uns sehr auf ein Wiedersehen in Lappland.
Die Distanz von Helsinki nach Lappland beträgt knapp 1000 Kilometer und wir radeln durch Mittelfinnland an Seen und Mooren vorbei immer gen Norden. Völlig neu ist für uns, dass es nachts nicht mehr dunkel wird. Bald schon werden wir 24 Stunden Licht haben, denn die Sonne geht jetzt Mitte Juni immer früher auf und immer später unter. Trotz der Helligkeit schlafen wir in der Nacht tief und fest. Philippe stellt sich manchmal den Wecker auf 2:45 Uhr, um das Licht des Sonnenaufgangs nicht zu verpassen.
Nach 1000 km treffen wir Vesa, Virpi und Peka wieder in Rovaniemi in Finnland. Rovaniemi liegt schon fast auf dem Polarkreis. Das Wiedersehen ist sehr herzlich, wir dürfen bei Virpi übernachten. Am Telefon erzählt Peka seinem Sohn, dass seine deutschen Freunde zu Besuch sind. Der Sohn sagt irritiert: "Papa, du sprichst kein Wort Deutsch und nicht mal Englisch!" Peka ist das egal und wir essen Hackbällchen mit Kartoffelpüree. Als Nachtisch gibt es Moltebeeren mit Vanilleeis.
Am nächsten Tag zeigt uns Vesa sein großes Anwesen 60 km nördlich von Rovaniemi, wo wir unsere erste finnische Sauna erleben dürfen. Er hat sie selbst gebaut und legt mit seinen großen Händen Holzscheite in den Ofen, um sie wenig später anzuzünden. Mit ruhigen Bewegungen zeigt er Philippe, wie die Steine mit Wasser übergossen werden und tauft das Sauna-Totem. Danach geht es über einen kleinen Holzsteg zur Erfrischung in den 15°C kalten See. Die Hitze ist angenehm, wir fühlen wir uns wie neu geboren und sind porentief gereinigt.
Je nördlicher wir in Finnland radeln, desto mehr Mücken umgeben uns. Bewegen wir uns langsamer als 15 km pro Stunde, sammeln sich Schwärme von Mücken um uns herum. Für Brotzeitpausen springen wir vom Fahrrad, stülpen uns Regenhose, Regenjacke und Moskitohut über, mischen Müsli mit Joghurt und schnippeln einen Apfel, um das Ganze mit einem Löffel unter den Moskitohut in die Fressluke zu schieben. Ich erinnere mich an Virpis Worte in Rovaniemi:


"In Finland you have millions of friends."

Damals haben wir alle herzlich über diesen Satz gelacht.
Jetzt fühlen wir uns nur noch sicher, wenn wir Arme und Beine bedecken und den Moskitohut tragen. Um mich herum surrt es. Das ist normal hier. Allmählich wird das Surren lauter und ich merke, dass die Mücken so klein geworden sind, dass sie durch die Moskitonetzmaschen hindurchpassen, sich in meinem Hut sammeln und mir dann den Kopf zerstechen. Wir sind nun getrieben und die Etappen bis zur finnisch-norwegischen Grenze werden deutlich größer.
Als wir das Landesgrenzschild nach Norwegen erblicken, können wir unser Glück kaum fassen: Es gibt keine Mücken mehr! Ein Hundebesitzer spaziert an uns vorbei und fragt uns:


"Are you heading north?"


Wir freuen uns sehr, dass unser Reisetitel Wirklichkeit wird, denn bald darauf erreichen wir unser nördlichstes Ziel - Tromsö.
Ab Tromsö verlassen wir das Festland, setzen über auf die Inseln der Vesterålen und von dort auf die Lofoten. Endlich sind wir mittendrin in der Fjordlandschaft von Norwegen und fahren Fjorde aus, nehmen Tunnel oder Umfahrungen über Pässe in Serpentinen. Die Tatsache, dass wir Berge und Wasser gleichzeitig sehen, begeistert uns und bei diesen Aussichten rollen die Räder wie von alleine. Von den Lofoten setzen wir wieder auf das Festland nach Bodö über und radeln von dort an der Helgelandküste, der Westküste Norwegens, gen Süden bis Trondheim.
An der Helgelandküste regnet es tagelang durch und blauen Himmel sehen wir nur noch selten. Nach einigen Stunden füllt sich meine gepolsterte Radhose mit Wasser, da irgendwann auch einmal die beste Regenhose nicht mehr schützt und so sitze ich bei 15°C auf einem nassen Schwamm, der mit jeder Tretbewegung kleine Tropfen abgibt, die langsam meine Oberschenkelinnenseiten nach unten bis in die Kniekehle laufen und sich dort erwärmen. Wenn ich jetzt stehenbleibe, verwandelt sich mein Gesäß zu Eis, also fahre ich lieber weiter. Langsam werde ich sauer, weil ich mir vorstelle, dass nur Philippe und mich eine Regenwolke verfolgt. Denn das Wetter kann doch nicht überall in Norwegen so sein!
Einmal bauen wir notgedrungen unser Zelt im strömenden Regen auf. Als es endlich steht, bemerke ich, dass das Gras unter meinen Schuhen nachgibt und Wasser von oben hineinläuft.


Wir haben unser Zelt offenbar auf einen nassen Schwamm gebaut.


Als etwas Sonne Stunden später herauskommt, werden wir von zwei Wohnmobilen zugeparkt und sitzen wieder > im Schatten. Philippe muntert mich mit den Worten auf: "Schatten am Abend bedeutet Sonne am Morgen". Doch leider regnet es am nächsten Morgen wieder.
Den Norwegern scheint der Regen nicht viel auszumachen. Sie sind meist ausgerüstet mit Kapuze und Gummistiefeln und auch wir gewöhnen uns an die Tropfen von oben. Am Ende einer sehr nassen Etappe an der Helgelandküste setzen wir uns irgendwann einfach mitten in den Regen, weil wir kein schützendes Dach zum Unterstellen finden und essen genüsslich unser Müsli - ohne die Tropfen überhaupt noch zu merken. Es gibt keine Regenwolke, die uns verfolgt. Wir sind nun mal in Norwegen und hier gehört der Regen einfach dazu.
Nach jeder Regenwolke kommt der Moment, in dem der dichte graue Wolkenteppich aufbricht und das erste schüchterne helle Fleckchen Blau zu sehen ist. Die Sonne wirft in definierten Strahlen ihr Licht auf das Wasser. Dieser Moment ist unbegreiflich schön, wir vergessen den Regen und unsere nassen Füße.
Allmählich verlassen wir die Küste Norwegens, begeben uns ins Landesinnere nach Trondheim und überfahren die norwegischen Nationalparks. Die Hochebenen auf 1000 Metern Höhe sind im Nebel mystisch und die Wege werden schmal. Wir hoffen, dass sie nicht im Nirgendwo enden. Nach Oslo fahren wir an der schwedischen Westküste nach Göteborg und treffen 100 km vor Göteborg einen muskulösen Radler. Tom ist seit wenigen Wochen pensioniert, hat Hals über Kopf sein Haus und seine Frau in Oslo gelassen und radelt so weit, wie er mag. Früher war er mit seinen Kindern mit Zelt und Kocher unterwegs, heute braucht Tom eine echte Matratze und ein Gläschen Rotwein an Abend. Er fragt uns nach unserem Genussmittel und wir geben zu, dass wir gern und viel Eis essen. Außerdem will er wissen, ob wir das Zeltleben mögen. Wir nicken heftig, weil das kleine Zelt unser Zuhause geworden ist. Philippe und ich fühlen uns wohl in unserer dünnen Zweithaut, dem Zelt. Auf dem Fahrrad geht jeder den eigenen Gedanken nach oder wir tauschen uns mit anderen Menschen aus. Einerseits haben wir viel Freiraum, andererseits sind wir aber auch aufeinander angewiesen. Im Scherz teilen wir in Gedanken unser Gepäck - ohne Ergebnis: Der Eine würde verhungern, der Andere erfrieren.


Meine Haarbürste vermisse ich schon lange nicht mehr,


weil meine Haare nach sechs Monaten ohne Föhn sogar viel gesünder sind. Auch das tägliche Zelt-Yoga hat uns gutgetan und wir vermissen keinen Stuhl mehr. Entspannt verknoten wir unsere Beinchen beim Frühstück und sitzen lange im Zelt auf 2,5 Quadratmetern.
Von Göteborg fahren wir der Küste entlang und nehmen die Fähre nach Dänemark. An der Ostküste Dänemarks durchqueren wir das Land und setzen über auf Fehmarn. Von dort kommen wir schnell nach Lübeck, radeln der Elbe entlang bis Magdeburg und folgen anschließend der Saale bis nach Hof in Oberfranken.
Philippes Achillessehne geht es wieder gut. Die anfängliche Überlastung war vielleicht der Grund für die Entzündung. Durch das Thüringer Schiefergebirge kurbeln wir ohne Probleme und Philippe ist mittlerweile so fit, dass er oben am Berg auf mich warten muss, was er geduldig tut. Durch die Oberpfalz geht es über den Starnberger See in die bayerischen Voralpen und wir erreichen Ende Oktober nach über 9000 km unser Zuhause.

Auf den letzten Kilometern fragen wir uns, was wir wohl am nächsten Tag machen werden. Wir wissen aber die Antwort längst, denn unsere Mountainbikes warten seit einem halben Jahr auf uns.



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Infos über die Autorin und den Photographen

Christl und Philippe, sind von Mai bis Oktober 2016 mit Zelt, Kocher und Kamera gen Norden und zurück geradelt. Inspiriert durch beeindruckende Landschaften und motiviert durch die eigene Reiselust entstand die Idee, mit dem Fahrrad von zu Hause aus über Osteuropa in den Norden Norwegens zu fahren und von dort den norwegischen Fjorden bis in den Süden zu folgen, um anschließend über Schweden und Dänemark in die Heimat zurückzukehren: 10 Länder, über 9000 km und viele Bilder.

Mehr Fotos, die ganze Geschichte von Christl und Philippe, Vortragstermine und alles Weitere über die beiden findest du im Interner unter heading-north.eu