EINE ANDERE PATAGONISCHE GESCHICHTE
oder:


ODE AN DAS SEIL


von Peter Albert mit Bildern von Ben Reuter


Ja ja, ich weiß, ich weiß, die Bilder vom Klettern aus Patagonien kennt ihr. Wilde Biwaks, anraumüberwucherte Felswände, durchgeriebene Abseilachter und Tuber, vom Wind erodierte Eisröhren durch die sich Kletterer hindurchwinden, frei kletternde Lamas und Haleys?
Großartige Geschichten voller Passion, Innovation, vom Gipfelglück, immer wieder auch vom Scheitern. All das kennen wir. Selten machen wir uns ein Bild von den stillen Wegbegleitern. Deshalb jetzt und hier die Ode an das Seil!
Vor Beginn eines solchen Ausflugs nach Patagonien fällt dir ein, dass es echt Sinn macht einen neuen Strick an den Start zu bringen. Aber was? Und wenn ja wie lang? Und wie viel? Du telefonierst! Zuerst mit deinem Kletterpartner: was meinst? Dann mit dem Seilverkäufer deines Vertrauens: Wie? In 70 Metern grad nicht verfügbar? Dann wieder mit deinem Kletterpartner: reichen uns auch 60?? Am Ende vom Tag mit deinem Stammlokal: Reservier uns bitte für 21:00 Uhr einen Tisch, hab den ganzen Tag nix gegessen.
Am Packtermin, einen halben Tag vor Abflug passen dann die beiden neuen Seile, ein 70 Meter Halbseil und ein dünnes Multifunktionsdingenskirchen in 60 Meter Länge fast nicht mehr in die vollgestopften Wandnachziehsäcke. Ergebnis: du nimmst nur eine Wechselunterhose, ein Paar Ersatzsocken, keine Flipflops, keine Softshelljacke, nur ein Laptop, dafür mehr Geld mit. Heureka!
Die Reise beginnt. Nach 3 Tagen hin, her, rauf und runter stehst du vor deinem Appartement in El Chalten. Mit von der Partie: dein neues Supermultifunktionsdings und das Halbseil. Du, dein Freund und die zwei Seile ihr freut euch auf den ersten Einsatz. Doch zuerst lernt ihr ein neues Schlagwort: Window! Das Erste was ihr hier gefragt werdet: Did ya hear anything about the next window? Hmm, Fenster? Klar hat unsere Bude Fenster, lässiger Blick in den Garten neben unserer Küche? T'schuldigung, ja sorry wir Dummerchen, die sprechen alle vom Wetter! Wetter? Nö, keine Ahnung? GFS? Generalvorhersagesystem? Krasses Pferd, lauter Oberchecker die Amis hier.
Egal, wir gehen erst mal zum Üben? Nach dem Motto Geschwindigkeit bringt Sicherheit proben wir schnelles Nachsteigen. Es zeigt sich: bis etwa UIAA VI sind wir am schnellsten wenn der Nachsteiger klettert, darüber ist es günstiger am Seil aufzusteigen. Mit rücklaufgesperrter Seilrolle und einer Steigklemme rammeln wir uns via Selbstflaschenzug die schwereren Längen hinauf. Das zweite Seil ist im Rucksack, der Rucksack beim Nachsteiger und der Nachsteiger bläst wie irr, weil das ja klar ist. Der Vorsteiger hingegen schwebt elfengleich gen Gipfel. Klingt komisch, is auch nicht so. Wurscht, wir haben unsere Strategie.
Es vergeht die Zeit mit weiteren Übungstagen bis irgendwann schlagartig die ganze Klettergemeinde in El Chalten wie vom Wahnsinn getrieben hektisch alles mögliche Zeug in riesige Rucksäcke packt. Ganz El Chalten? Nein! Ein kleiner Teil widerspenstiger Profikletterer schultert heimlich die Daypacks und rennt in Windeseile zu den in den letzten Wochen vorbereiteten Materialdepots. Wir rennen nicht, leider! Wir kriechen schleppend oder schleppen kriechend. Unter anderem 2 Seile, ein Multifunktions60meterdings und 70 Meter Halbseil. Dazu ein Zelt, Schlafsäcke, Kocher, Futter, Klamotten, eineinhalb Sätze Camalots bis Größe 4? was der Mensch halt so braucht. Das ganze dauert einen Tag, dann ist das Lager eingerichtet und der Spaß kann beginnen.
Spaß bedeutet um 1:00 Uhr Früh mit deinem Lieblingssong auf den Lippen Travelcrunchvanillepudding im Zelt zu verschmieren und eine halbe Stunde später leichtfüßig im Stirnlampenlicht über den Gletscher zu stolpern. Was dann folgt kennt ihr wieder aus den Magazinen, Filmen und anderen Medien. Unser 60metermultidingsfunktion und das 70iger Seilhalb sind bis in die letzte Litze motiviert. Ben und ich, wir besorgen es dem Volta ziemlich dreckig, einer vorne, einer hinten. Die erste Hälfte der Tour den lieben langen Aufstieg nämlich wird das Halbe geschont und wie geplant brav im Rucksack getragen.
Ebenfalls geschont wird der Seilerste er zieht weniger Gewicht nach und die Seilorga geht v.a. bei starkem Wind leichter von der Hand. Nur zum Schlafen wird das Halbseil ausgepackt und zusätzlich zur Isomatte beim Biwak untergelegt. 20 Seillängen Kletterstrecke hört sich nicht nach viel an. Das Supermultivolta stöhnt gleichwohl. Kein Wunder, ständiges sinnloses um Kanten und Ecken geziehe, fortlaufendes hinter und unter Granitblöcken verklemme und schließlich auch noch Steigklemmen- und Seilrollenzahnperforation zerren am Mantelgeflecht, wie soll eine Sportkletterzüchtung damit klar kommen? Es kam klar und besser als erwartet.
Wer in Patagonien meint mit dem Gipfel in der Tasche den Sack zumachen zu können, meint falsch. Für uns blieb die Sache weiter überaus spannend. Liebe Seile, wir brauchen jetzt euere volle Compliance! Bitte bitte nicht verklemmen! Abseilen vom Fitz Roy ist spannend! Zu Beginn geht es über ein Eisfeld dann über lange Strecken frei hängend ohne Wandkontakt hinunter. Bohrhaken? Fehlanzeige! Weiter unten, so hat es uns Rolando Garibotti eingeschärft ist es besser kurze Seillängen abzuseilen, damit die Seile beim abziehen nicht verklemmen. Das Gleiche gilt für den Abstieg durch das Couloir unterhalb der ?La Brecha de los Italianos?.
Wir konnten immer abziehen! Wir sind stolz! Stolz über unseren Ausflug und stolz auf unsere 2 Mitstreiter Multivoltadings und Halbseilchen. Sie haben uns nicht im Stich gelassen. Danke dafür!
Ach ja, wir haben unseren Freunden aus Garmisch die einen Tag nach uns ebenfalls auf dem Gipfel standen die beiden überlassen. Grund: am Ende ihrer Seile hatten sie noch 3 Wochen Zeit vor Ort. Zum Ausgleich haben wir uns neue Socken und neue Unterhosen für den Heimflug geleistet. Welch ein Luxus ;-)!
Den Bericht im Freiluftwerk-Magazin 16/17 ansehen
Infos über den Autor
Peter ist Kletterer, Skifahrer, Alpinist - Gutmensch, Freund und mitlerweilern eine Institution. Staatl. gepr. Berg- und Skiführer [ UIAGM ] und Ausbilder im deutschen Bergfürhrer Verband
Er lebt und arbeitet in Garmisch-Partenkirchen und überall, wo es steil ist.
Mehr über Peter auf seiner Website steile-welt.de
oder hier als Freiluftwerker

ODE AN DAS SEIL 15.09.2016 14:10

© Fotos: Ben Reuter