Lappland

Mit Ski und Pulka

Polarlichter, eisige Kälte, Elche, Rentiere und ohne jeglichen Handyempfang in die große weiße weite stille Welt eintauchen? Genau diese Gedanken kamen uns, als wir beide letzten Januar krank daheim lagen. Damit war eine neue Idee und bald schon ein Plan geboren: Mit den Skiern auf dem nördlichen Kungsleden durch Lappland.
Nachdem wir die Infos zusammengetragen hatten, wann es die Chance auf Polarlichter und gleichzeitig genug Tageslicht gibt und bis wann die riesigen Seen sicher zugefroren sind, war klar, dass uns nicht mehr viel Zeit für die Planung bleibt.
Eine Planung für ein Abenteuer im absoluten Neuland für uns beide. Nach einem Temperaturcheck für Lappland und dem riesigen Respekt vor der Kälte, war Hanna erstmal damit beschäftigt, die wärmste Ausrüstung aus dem Freiluftwerk zu organisieren. Werden die dicksten Hestra Fäustlinge wirklich reichen? Bei -30 Grad? Letztlich besiegten Vorfreude und Neugier die Angst vor der Kälte. Doch es gab noch viel zu organisieren und zu überlegen: Wie kommen wir möglichst klimafreundlich in den hohen Norden? Welche Ski? Hütte oder Zelt? Pulka oder Rucksack? Essen für 10 Tage usw.
Wir waren gut beschäftigt bis wir Ende Februar eines Morgens um 5 Uhr früh, schwer bepackt in Freising in den Zug steigen. Es ist soweit: Es geht los nach Lappland mit Dufflebags voller Essen – für jeden einzelnen Tag rationiert – warmer Kleidung, Zelt, Schlafsäcke, usw.
In Stockholm treffen wir unsere beiden Nordlichter von der Ostsee, Frieda und Sam, die wir mit unserer Idee angesteckt hatten und die nun in voller Freiluftwerkmontur am Bahnhof stehen. Zusammen steigen wir in den Nachtzug, der uns an unser Ziel bringen wird: Abisko. Auch Franzi sammeln wir auf dem Weg noch in Uppsala ein, die uns auch für ein paar Tage begleitet. Während wir uns in die Betten kuscheln, rattert der Zug ca. 1.200 km gen Norden.
Wir werden von der Sonne, die durchs Fenster blinzelt geweckt – oder träumen wir? Der Blick in die vorbeiziehende Landschaft ist traumhaft: Blauer Himmel, Sonne und der Zug rollt durch eine glitzernde weiße Landschaft so wie wir sie uns hier nur wünschen würden. Fenster auf zum Kältecheck – vergebens – es ist zugefroren…brrrrr
Wir steigen aus und es fühlt sich an als würde man gegen eine Wand laufen:
-27 Grad! Auch nach zwei Tagen Akklimatisierung stellen wir fest, dass man sich an bis zu minus 31 Grad nicht so schnell gewöhnt und lernen die schwedische Saunakultur sehr schnell zu schätzen! Unweit von der Fjällstation in Abisko entdecken wir die ersten beiden Elche, die genüsslich kauend im Gebüsch liegen.
Haben wir wirklich genug Essen? Bekommen wir die Pulkas gezogen? Was ist der Plan für einen Whiteout? Vorfreude und Neugier stehen sicherlich im Vordergrund, aber auch die Aufregung ist zu spüren, die nachlässt, als wir ein riesiges Polarlichterspektakel am Himmel entdecken. Es ist unglaublich wie die farbigen Lichter über den Himmel tanzen, ihre Formen verändern, stärker und wieder schwächer werden. Pulkas und Rucksäcke sind gepackt, Skier bereit für den Start in 9 Tage Winterabenteuer ohne jeglichen Empfang.

Wir lassen Abisko hinter uns, folgen den roten Kreuzen als Wegmarkierungen und um uns herum wird es immer stiller. In ständig leichtem Bergauf und -ab durch die Birkenwälder geht es Richtung Abiskojaure. Es geht nicht viel bergauf, aber die schwer bepackten Pulkas machen es auf jeden Fall schweißtreibend. Nicht umsonst hat eine Pulka den Namen „Dicker Maggus“ bekommen. Zum Glück ist es nicht mehr so eisig kalt. Irgendwann erreichen wir einen großen zugefrorenen See an dessen Ende wir die Hütte für unsere erste Nacht erreichen: Abiskojaure. Jetzt heißt es Holzhacken, Holzofen einheizen, Kochen, Wasserholen am Wasserloch am See, usw. Bei Kerzenschein sitzen wir beim Essen und machen Bekanntschaft mit anderen Weggefährten.
Zur Krönung des Abends geht es noch in die Sauna, wo man sich zu unserem Erstaunen sogar warm „duschen“ kann mit Schöpfkellen und geschmolzenem Schnee. Zufrieden und müde kriechen wir in unsere Schlafsäcke.
Am nächsten Tag geht es entlang der roten Kreuze weiter nach Alesjaure und die Anstiege sind mit den schweren Pulkas ziemlich zäh, aber wir werden zwischen Wind und Wolken immer wieder mit blauem Himmel und ein bisschen Sonne belohnt.

Nachdem wir Alesjaure – in the middle of nowhere – erreicht haben, wird geschaufelt: Ein Platz für unser Zelt. Die Nacht ist stürmisch und kalt und auch am Morgen hält der starke Wind an. Wenig erholt geht es am nächsten Morgen weiter. Wie gut, dass es erstmal bergab geht und wir die Pulkas als Schlitten nutzen können. Nachmittags erreichen wir Tjäktja und erfahren, dass sich ein Schneesturm anbahnt und wir wohl einen Pausetag einlegen müssen. Wie gut, dass es eine Hütte gibt. Alle helfen zusammen um für den nächsten Tag in der Hütte versorgt zu sein – es wird Holz gehackt, die Hütte frei geschaufelt, mit viel Mühe und Schweiß wird Wasser vom nächstgelegenen Wasserloch beschafft und der Ofen eingeheizt. Am Abend sind alle froh bei Kerzenschein (Strom gibt es in den Hütten nämlich keinen) und loderndem Feuer in der wärmer werdenden Hütte zu sitzen und die nächste Essensration zu verspeisen. Der Wind nimmt zu und der Weg zum Plumpsklo neben der Hütte wird nur noch mit Skibrille und zu zweit angetreten. Am nächsten Tag wird gechillt. Der Blick aus dem Fenster gibt nur eines wieder: Weiß. Wir sind froh in der Hütte zu sein.
Auch am nächsten Morgen sieht es leider nicht viel besser aus, auch wenn der Sturm etwas nachgelassen hat. Eine schwere Entscheidung, denn der Blick auf die Karte sagt uns, dass wir die Lawinenlage vor Ort beurteilen müssen – aber wenn wir nichts sehen? Wir beschließen aufzubrechen und notfalls umzudrehen. Die Sicht ist miserabel. Wir gehen dicht hintereinander, müssen immer wieder stehen bleiben bis der Whiteout das nächste rote Wegkreuz freigibt. Jetzt wissen wir warum die Kreuze alle 30 m platziert wurden. Man kann fast seinen eigenen Handschuh nicht mehr erkennen, geschweige denn ein rotes Wegkreuz. Wir erreichen den Pass und tatsächlich haben wir Glück und die Sicht ermöglicht es uns kurz  die Lage zu beurteilen. Wir beschließen weiterzugehen und die Abfahrt vom Pass möglichst schnell hinter uns zu bringen. Der Plan ging nicht ganz auf. Es gibt viel Gelächter als einer nach dem anderen im Hang purzelt. Auch die Achse der Pulka müssen wir notdürftig mit Gaffatape fixen. Der Tag endet mit 125 km/h Schneesturm und wir sind ziemlich erleichtert als wir mit Mühe endlich die Hütte erreichen. Wie hätte das wohl geendet, hätten wir diesen Sturm nicht als Rückenwind gehabt?! Der Sturm dringt durch jede Ritze und rüttelt bedrohlich an der Stuga. Heute ist der Weg aufs Örtchen noch mehr Abenteuer… Die Sauna wärmt uns wieder auf und wir genießen zusammen die gemütliche Stimmung bei Kerzenschein in der Hütte.
Ab jetzt ist das Wetter auf unserer Seite und wir genießen die weiteren Etappen.  Maggus ist inzwischen auch leichter und unser Vierergespann ist ein echtes Dream-Team! In diese Welt einzutauchen ist ein echtes Geschenk und so kommen wir erfüllt irgendwann in Nikkaluokta an. Die Essensvorräte sind leer, aber der Erlebnisrucksack gefüllt. Etwas wehmütig steigen wir wieder in den Nachtzug und treten den Rückweg an.
Wir kommen wieder – Polarlichter, Elche, Rentiere, Füchse und durch den Schnee rollende Lemminge kann man nicht oft genug erleben.